Es war also nur ein Strohfeuer: Nach einem leichten Zuwachs im April haben die Autoverkäufe in Europa im Mai ihre rasante Talfahrt wieder fortgesetzt. Nur gut 1,04 Millionen Neuwagen wurden in der Europäischen Union laut Daten des Branchenverbandes ACEA in dem Monat abgesetzt – ein Minus von fast 6 Prozent und der niedrigste Stand seit 20 Jahren. Dass sich die bisherigen Absatzverluste im Gesamtjahr noch aufholen lassen, ist wohl nicht mehr möglich.
Fast alle großen Märkte gaben im Mai deutlich nach. Besonders deutlich fielen die Zulassungsrückgänge in Deutschland und Frankreich mit jeweils etwa 10 Prozent sowie in Italien mit 8 Prozent aus. Als Fels in der Brandung erwies sich einmal mehr Großbritannien, wo 11 Prozent mehr Autos verkauft wurden als im vergangenen Jahr.
Vor allem hiesige Massenhersteller leiden unter der Kaufzurückhaltung der Kunden, die angesichts der Schuldenkrise nach wie vor einen weiten Bogen um die Verkaufsläden machen. Der Absatz von Peugeot-Citroen schrumpfte um gut 13 Prozent, der von Renault um gut ein Zehntel. Opel und Vauxhall mussten ein Minus von gut 8 Prozent hinnehmen, wobei die Bilanz noch deutlich besser ausfiel als bei der General-Motors-Schwestermarke Chevrolet, deren Verkäufe um fast ein Viertel einbrachen.
Relativ stabil entwickelten sich aber die Verkaufszahlen der japanischen Autobauer und der deutschen Premiumhersteller: Audis Verkäufe gaben beispielsweise nur um rund 4 Prozent nach, während die Daimler-Tochter Mercedes-Benz mit neuen Produkten wie der A- und B-Klasse punkten konnte und gegen den Trend um knapp 3 Prozent wuchs.
Nachdem der April ein kleines Verkaufsplus in Europa gebracht hatte, hofften einige Beobachter auf die Wende. Schließlich waren auf Monatssicht zum ersten Mal seit September 2011 wieder mehr Autos losgeschlagen worden. Der Grund für den Anstieg war allerdings nur statistischer Natur, da es mehr Verkaufstage gab als im Vorjahr. Wie schlecht die Lage tatsächlich ist, zeigt der Blick auf den bisherigen Jahresverlauf: In den ersten fünf Monaten steht ein Minus von 6,8 Prozent zu Buche.
“Während das Konsumentenvertrauen sich wieder verbessert, verschieben Käufer ihre Neuanschaffungen wegen der anhaltenden wirtschaftlichen Unsicherheit nach wie vor”, sagte Allan Rushforth, Europa-Chef des südkoreanischen Autobauers Hyundai. “Wir erwarten ein langsames Wachstum des europäischen Marktes ab dem vierten Quartal”.
Wie langsam die Erholung wohl tatsächlich kommen könnte, zeigen jüngste Prognosen der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers, die für 2013 einen Rückgang der Neuzulassungen um insgesamt 4 Prozent auf 12 Millionen prognostiziert. Schrumpfende Volkswirtschaften, steigende Arbeitslosenzahlen, fallende verfügbare Einkommen und harte Sparmaßnahmen hinterlassen ihr Spuren.
Die weltweit drittgrößte Vertriebsregion dürfte in diesem Jahr also zum sechsten Mal in Folge schrumpfen und damit das niedrigste Niveau seit Anfang der 1990er Jahre markieren. Entsprechend schwer haben es Autobauer, die vorrangig auf dem alten Kontinent eingepfercht sind. Einige von ihnen wie Fiat, die Franzosen und Opel mussten deshalb massiv den Rotstift ansetzen, bauten Stellen ab und wollen gar Standorte dicht machen.
Laut einer aktuellen Studie der Beratungsfirma AlixPartners arbeiten mehr als die Hälfte der 100 größten Werke in Europa unterhalb einer Kapazitätsauslastung von 75 Prozent. Diese Marke gilt laut Experten als absolut unterste Schwelle für die Profitabilität.
Regional breiter aufgestellte Autobauer können die Probleme in Europa anderswo wieder gutmachen. Wie der deutsche Verband der Automobilindustrie am Dienstag mitteilte, hält der Aufwärtstrend in den USA, Brasilien und vor allem in China weiter an. Alleine im Reich der Mitte legten die Neuwagenverkäufe im Mai um gut 14 Prozent zu. Aber nicht in allen Schwellenländern stehen die Ampeln auf Grün: In Russland schrumpften die Verkäufe um gut 12 Prozent und in Indien um fast 9 Prozent.